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Nummer 37 ist tot (ihr verfluchten Wichser!)


„Du solltest dich einweisen lassen.“, sagte Wladimir ohne von seinem Zettel aufzublicken. Er klickte mit dem Kugelschreiber. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann schrieb er: „Umständehalber abzugeben Doppelpunkt.“

„Ist das dein Ernst?“, fragte ich.
„Man müsste alle Tiere der Welt ordnen.“, entgegnete Wladimir abwesend. „Nach Flauschigkeit.“
„Eine Lebensaufgabe.“, sagte ich.


Wladimir erhob sich schwerfällig vom Tisch und zog die graue Jogginghose nach oben. Sie war zu groß und mit einer Kordel in Höhe des Bauchansatzes fixiert. Vorn zumindest. Hinten war sie verrutscht und man sah die Arschbacken.

Auf dem Weg zum Herd war er peinlich darauf bedacht, nicht aus Versehen eines der tschilpenden Flaumknäuel zu zertreten. Die waren um verschiedene Rotlichtlampen versammelt und damit beschäftigt den billigen Teppichboden vollzuscheißen. Und die Kacheln. Und die Kissen. Und das Bettzeug. Es waren 257. Plusminus die Wurzel daraus.

„Man müsste es machen wie die Küken.“, sagte ich. „Einfach auf alles scheißen!“

Außer den Küken gab es noch mindestens drei Kaninchen, die sich irgendwo zwischen den Möbeln versteckt hielten und an der Wand neben dem Bett stapelten sich einige großzügig bemessene Hamsterkäfige.

„Da ist ein Karpfen in deiner Wanne.“, sagte ich, als ich vom Klo zurückkam.
„Das ist Achim.“, entgegnete Wladimir ungerührt. Er stand am Herd. Dann lupfte er den Topfdeckel und hielt seinen zauseligen Kopf in den aufsteigenden Dunst.

„Wie geht’s eigentlich deinem Bruder?“, fragte ich.
„Vitali?“, sagte er und wischte sich die Hände an seinem fleckigen Wollpullover trocken. „Gut.“

Einige Wassertropfen waren in seinem Rauschebart kondensiert und suchten sich jetzt auf spiralförmigen Bahnen einen Weg. Immer an den Haaren entlang.

Was kann ich jetzt dafür, dass die so heißen? Wladimir und Vitali, das sind doch ganz gebräuchliche Namen. Warum können die nicht einfach so heißen? Na gut, na gut! Nenne ich den Bruder eben anders! Heinz zum Beispiel. Wladimir und Heinz, das Bruderpaar aus der Ukraine. Zufrieden?

Rewind.

„Wie geht’s deinem Bruder?“, fragte ich.
„Heinz?“, fragte Wladimir und machte eine vage Handbewegung. „So lala. Lungenentzündung.“
Der arme Heinz.

„Was wollte ich eigentlich hier?“, fragte ich.
„Mittagessen.“, sagte Wladimir und deutete auf den Herd. Dann nahm er ein Glas vom Gewürzbord und leerte es vollständig in den Topf.
„Gewürznelken.“

„Der Igel wäre dann ja eher so im Mittelfeld.“, sagte Wladimir und setzte sich wieder an den Tisch. Mit einer gekonnten Handbewegung fixierte er die strähnigen Haare hinter dem Ohr, klickte dreimal mit dem Kugelschreiber und begann erneut zu schreiben: „Umständehalber abzugeben Doppelpunkt“

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“, fragte ich. „Wenn ich so an die Geschichte mit dem Schaf denke.“ Wladimir sah von seinem Zettel auf, warf mir einen mürrischen Blick zu und seufzte: „Ja, ja der Sören.“ Dann fuhr er fort: „Umständehalber abzugeben Doppelpunkt 257 Entenküken Telefon Null Eins Fünf Null“

„256.“, sagte ich und deutete mit dem Zeigefinger auf einen kleinen gelben Körper, der leblos unter einer der Rotlichtlampen lag.

Wir traten hinaus auf den langen Flur. Das klatschende Geräusch nackter Körper schwebte über den blaugrauen Fliesen. Stimmen hangelten sich den rauen Putz entlang und grinsten uns frech ins Gesicht. Quieken. Stöhnen. Grunzen. Gurgeln. Es klang würde ein Hausschwein verdroschen. Mit Enthusiasmus. Und mit einem Paddel. Es roch nach nassem Hund und Reinigungsmitteln.

„Gudrun.“, murmelte Wladimir und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Dann wandte er sich an mich und sagte: „Du solltest dich einweisen lassen. Im Ernst.“

Draußen zogen die Wolken ungehindert nach Nordosten. Ungeniert spuckten sie auf alles was sich unter ihnen befand. Häuser. Menschen. Autos. Apfelmus. Nichts in der Stadt konnte ihnen Einhalt gebieten. Dieser ganze Landstrich. Platt. Morastig. Verregnet. Zum Kotzen.

Neben den Mülltonnen gruben wir ein Loch in die aufgeweichte Erde. Es war klein. Halb so groß wie ein Fußball. Nicht mehr. Als wir fertig waren kam ein alter Mann angeschlurft. Seine dürren Haare hatte er mit Eigenfett an die Kopfhaut geklebt und ein Zipfel seines nikotingelben Hemdes flatterte fröhlich im Novemberwind. Er trug Pantoffeln.

„Was wollte ich eigentlich hier?“, fragte ich.
„Mittagessen.“, sagte Wladimir.

Im Inneren der Mülltonnen leuchteten Augen. Sie waren übellaunig und fauchten uns an. Überall lagen Papierschnipsel. Und Glassplitter. Neben einer der Tonnen stand ein alter mit hanuta Aufklebern verzierter Fernseher. Vor dem Papiercontainer stapelten sich durchgeweichte Möbelkartons und in einer der Ecken verschimmelte ein Bett. Es sind die Müllplätze, die eine Stadt erst richtig schön machen. Und die Hinterhöfe.

„War die Post schon da?“, fragte der alte Mann. Er roch nach Tabak. Nach Fußsalbe. Nach Hustenbonbons. Und nach Tod. 
„Weiß nicht.“, sagte Wladimir mit einem Schulterzucken. An der Bushaltestelle in der Nähe hielt ein Bus. Es war die Fünf in Richtung Gievenbeck. 
„Hä?“, sagte der Mann und streckte dabei das Kinn vor. Menschen stiegen aus dem Bus. Schüler. Studenten. Arbeitslose. Angestellte. Rentner. Das volle Programm.
„Weiß ich nicht!“, sagte Wladimir etwas lauter.
„Hä?“, sagte der alte Mann und streckte Wladimir das Kinn noch weiter entgegen.
„Ich weiß es nicht verdammte Scheiße nochmal!“, brüllte Wladimir so laut, dass die Leute aus dem Bus kurz mit ihrem Leben aufhörten und uns anstarrten.

„Ist tot!“, brüllte Wladimir den Starrern entgegen. Er holte die tote Ente aus der Tasche und hielt sie in die Luft. „Ist tot!“, brüllte er. „Nummer 37 ist tot! Ihr verfluchten Wichser!“ Dann fing er an zu weinen. Heulkrämpfe schüttelten ihn und er zitterte er am ganzen Körper. Sein stoßweises Schluchzen klang wie der jämmerliche Abklatsch eines Schluckaufs. Ich nahm ihn in den Arm. Wladimir legte seine Stirn auf meine Schulter. Die Tränen suppten durch meinen Pullover. Sie waren noch ganz warm.

Der alte Mann machte noch eine abwertende Handbewegung und brabbelte irgendetwas in seinen Bart. Post. Flurreinigung. Krieg. Früher. Das waren die Worte, die ich aufschnappte. Auch die Menschen aus dem Bus machten hektisch mit ihrem Leben weiter. Das machen Menschen immer, wenn man sie anbrüllt. Oder ihnen den Stinkefinger zeigt. Oder wenn einer weint.

„Komm.“, sagte ich und klopfte Wladimir aufmunternd auf den Rücken. Er nahm den Kopf von meiner Schulter und sah mich an. Die Augen waren rot. Und verheult. Dann nickte er und nahm den kleinen Körper in beide Hände. Die winzigen Flügel hingen leblos nach unten und als er in die Knie ging klappte der Kopf der Ente nach hinten. Es sah aus wie ein letztes Hauchen. Und ein bisschen wie Freude. Darüber, dass es vorbei ist. Er küsste die flauschige gelbe Stirn, dann legte er Nummer 37 in das Erdloch.

„Soll ich was sagen?“, fragte ich und machte mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung des offenen Grabs. Wladimir nickte und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen. „Ach wie kurz ist doch das Leben kleine... Ente.“, sagte ich. Janosch schien mir angemessen.

Dann deckten wir die Ente mit Erde zu und standen noch eine Weile so da. Ich hielt eine Kerze in der Hand. Aus Gründen der Pietät. Das war schwierig. Wegen des Regens. Der war kalt. Und weil November war.

Auf dem Weg zurück ins Haus, bückte sich Wladimir, hob einen Regenwurm auf und setzte ihn behutsam zurück ins Gras. Der Regenwurm wand sich zwei-, drei-, viermal und war dann im Erdboden verschwunden. „Ganz verstört der Kleine“, sagte Wladimir mit einem Lächeln, das blitzschnell wieder aus seinem Gesicht verschwunden war.

„Was wollte ich eigentlich hier?“, fragte ich.
„Mittagessen.“, sagte Wladimir.

„Du solltest dich einweisen lassen.“, sagte Wladimir, als er die Wohnungstür aufschloss. "Ja! Ja! Gudrun! Ja!“, hallte es über den Flur. „Ich weiß nicht.“, sagte ich. „Ist vielleicht ein bisschen sehr strange.“ Aus der Wohnung wehte uns ein Duft entgegen, den man schwer beschreiben kann. Es roch nach Tierhandlung. Und nach Heu. Und nach Essen. Und auch ein bisschen nach Zahnpasta.

„Was wollte ich eigentlich hier?“, fragte ich.
„Mittagessen.“, sagte Wladimir.

„Es wäre romantisch.“, sagte Wladimir, als er die Teller auf den Tisch stellte. „Sehr sogar.“
„Ich weiß nicht.“, sagte ich. „Ich weiß es einfach nicht.“ Schweigend löffelten wir unsere Suppe. Um uns herum tschilpten die Enten.

„Du wärst ihr nah.“, sagte  Wladimir. „Oft. Und lange.“

„Was schmeckt da so komisch?“, fragte ich und deutete auf meinen halbleeren Teller.
„Estragon.“ 

Clue Writing ist schreiben nach vorgegebenen Stichworten und in einem vorgegebenen Setting. Weitere Clue Writing Texte zu den hier benutzten Stichwörtern findet ihr in den Kommentarspalten der dritten Clue Writing Blogparade


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