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Das Nordkap - ein Fels wie jeder andere?



Langsam klettert das Wohnmobil die Serpentinen nach oben. Mit jedem Schritt, weicht die weiße Wand vor uns eine Stück zurück. Wie ein scheues Tier, das in die Ecke getrieben wird. Wir gleiten langsam dahin, wie in Wolken. Acht Kolibril. Vielleicht auch neun oder zehn. Ich kurbele das Beifahrerfenster herunter und greife hinaus in die weiche wattige Masse. Ich rupfe einen kleinen Klumpen heraus – es gibt ein leicht schmatzendes Geräusch – und fange an zu kauen. Der kalte salzige Geschmack kündet vom nahen Nordmeer.

„Du weißt, dass das nicht geht?“, fragt Birte.
„Dass was nicht geht?“
„Na Nebel essen.“
„Warum nicht?“
„Du kannst doch hier nicht einfach Sachen erfinden.“
„Man nennt das literarisch überhöht.“, sage ich. „Das machen alle.“
„Dann ist das jetzt neuerdings Literatur, was du da Woche für Woche verbrichst?“, fragt Emil von hinten.
„Das ist abhängig vom Standpunkt.“, sage ich im Umdrehen. „Und außerdem: Du kannst noch gar nicht sprechen.“

Das wäre ja noch schöner! Mir von einem Einjährigen in meinen Texten herumpfuschen lassen!
„Wenn alle anderen in einen Brunnen springen, springst du dann hinterher?“, hakt Birte nach.
„Wenn es der Jungbrunnen ist: ja!“, sage ich patzig. „Außerdem pass du mal lieber auf, dass du mit deinem fliegenden Walross nicht das Rentier da vorne wegmähst.“

Geistesgegenwärtig greift Birte an den rechten Stoßzahn und der dicke Anton macht eine scharfe Rechtskurve.

„Bräsige Viecher!“, schimpfe ich. „Außerdem mache ich es so offensichtlich, dass es auch der Letzte merkt. Sehr wahrscheinlich jedenfalls.“

Sieben bis acht Kolibril. Mindestens.

Wir befinden uns auf der finalen Etappe Richtung Nordkap. Nach dem Mittagessen irgendwo in den Bergen, haben wir am frühen Nachmittag eine Ortschaft namens Skaidi passiert. Es ist einer der Orte die man schnell wieder verlassen sollte, wenn man noch was vorhat im Leben. Zentraler Anlaufpunkt für alle Arten sozialer Interaktion ist die Tankstelle. Muss ich erwähnen, dass es die einzige ist? Nö, oder? Aber warum soll das im nördlichen Norwegen anders sein, als im nördlichen Brandenburg? Also nur schnell rein in die Tanke, einen Kaffee gekauft und dann nichts wie weiter.

Weiter geht’s über ein Hochplateau. Laut Reiseführer werden die Mücken hier im Sommer so groß wie Fledermäuse. Also besser nicht anhalten. Puh! Geschafft. Wir sind in Olderfjord. Links ab und dann immer geradeaus zum Nordkap.

Nebel, Nebel und noch mehr Nebel.

War die Landschaft vorher schon verhältnismäßig karg, wird sie jetzt noch ein bisschen karger. Bis hierhin gab es Bäume und Sträucher. Gut, die waren jetzt nicht grün oder so, aber immerhin. Jetzt gibt es nichts mehr. Naja gut, also natürlich nicht nichts, aber so wie man das so sagt: nichts. Es gibt noch Gras, Moose, Flechten und Felsen. Und ab und zu steht auch ein Rentier in der Gegend herum und guckt doof, wenn man daran vorbei fährt.

Immer weiter schieben wir uns nach Norden. Zum Teil türmen sich neben der schmalen Straße wahre Geröllhalden auf. Und als wäre das noch nicht genug erreichen wir ziemlich schnell einen Tunnel, in dem es laut Reiseführer spuken soll. Nee halt... Das war ein anderer Tunnel. Dieser Tunnel ist lediglich ein bisschen eng, so dass es passieren kann, dass man mit einem größeren Wohnmobil ein wenig hin und her rangieren muss.

Unser Wohnmobil ist zwar nicht das größte seiner Art, aber mit 3,15 Metern ziemlich hoch. Finde ich jedenfalls. Dennoch kommen wir problemlos durch den Tunnel – trotz Gegenverkehr.

Dann geht es weiter. Durch einen weiteren Tunnel – den Nordkaptunnel nämlich - und schon passiert man das kleine Örtchen Honnigsvag. Von dort ist es dann auch gar nicht mehr weit bis zum Nordkap. Eigentlich jedenfalls, denn der Nebel, bremst uns ein bisschen aus. Um uns herum ist Landschaft. Jedenfalls vermuten wir das, denn sehen können wir nur das, was sich in einem Radius von 20 Metern um das Wohnmobil abspielt. Was sich jenseits davon befindet können wir nur ahnen. Trolle, Elfen, Kobolde, Eichhörnchen... alles scheint möglich. Das ist kein ordinärer Wasserdampf. Es fühlt sich an, als ob man durch Watte fährt, als ob sich der Nebel mit seiner gesamten physischen Präsenz gegen unser Fortkommen stemmt.  

Als wir nach scheinbar unendlichen Kilometern doch noch am Nordkap ankommen, müssen wir uns zunächst erkundigen, wo es denn bitte sein soll das berühmte Nordkapzentrum. „Irgendwo da.“, sagt ein Mann mit unverkennbar bayerischem Akzent und fuchtelt mit der rechten Hand vage im Nebel herum.

Jede Menge Landschaft.

Nach einem kurzen und sehr, sehr vorsichtigen Fußmarsch stehen wir tatsächlich davor. Und es ist ein Wunder, dass wir nicht dagegen gelaufen sind. Drinnen kann man dann die üblichen touristischen Notdurften verrichten. Souvenirs kaufen (man denkt natürlich auch an die Daheimgebliebenen), Kaffee trinken, Kuchen essen, aus dem Fenster starren. Und natürlich: Postkarten kaufen, schreiben und natürlich abschicken. Das Nordkap hat nämlich ein eigenes Postamt, samt Spezialstempel. Gibt’s doch gar nicht.

Randnotiz: Ob in diesem Postamt auch Elfen arbeiten ist nicht überliefert.

Aber das ist noch nicht alles. Es gibt natürlich auch noch den richtigen, den ganz großen Quatsch. Die Cave of lights zum Beispiel. Der Name ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen. Es ist eine Höhle mit ... naja, also ... mit Licht drin. Dazu gibt es eine Leinwand und Lautsprecher sorgen für eine entsprechende Untermalung mit Tönen. Darstellen soll das Ganze eine Reise durch die vier Jahreszeiten hier am Nordkap. Wenn es draußen stürmt, schneit oder sonst irgendwie ungemütlich ist, ist das ganz nett. Man verpasst aber nicht das Geringste, wenn man stattdessen zum Beispiel draußen in der Gegend herumstreunt und Fotos vom Nordkap macht. Auf diese Weise bekommt man auch einen sehr lebendigen Eindruck vom Nordkap. Allerdings nur zu der Jahreszeit, die gerade ist. Auch hier gilt es abzuwägen.

Das thailändische Museum.
Neben der Cave of lights gibt es auch noch ein thailändisches Museum. Wer sich jetzt fragt warum es ausgerechnet am Nordkap ein thailändisches Museum gibt, dem kann ich das auch nicht zufriedenstellend erklären. Ich kann aber erklären, was es ist. Ein etwa vier Quadratmeter großer Raum nämlich, der mit allerhand Quatsch vollgestopft ist und an den Besuch des thailändischen Königs erinnert. Immerhin, und das muss man dem Museum lassen, ist es thailändischer Quatsch.

Außerdem gibt es noch eine Kapelle. Das ist gut, denn jetzt kann man am Nordkap auch endlich beten. Und heiraten. Vor allem heiraten. Ich glaube das ist wichtig, auch wenn ich nicht verstanden habe warum.

Kapelle am Nordkap.
Das ist vielleicht auch der richtige Zeitpunkt um mal in die Runde zu posaunen, dass das Nordkap gar nicht der nördlichste Punkt Europas ist. Klingt komisch, ist aber so. Der wirklich nördlichste Punkt Europas befindet sich auf einer Halbinsel ein Stück westlich des Nordkapfelsens.

Also was jetzt? Alles nur Touristenabbzocke? Das verrate ich in meinem nächsten Artikel.

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