Folge uns auf facebook

Mehr Freiheit wagen


Als der Kipplaster neben mir hält blicke ich in zwanzig bärtige Gesichter. Mit tiefen dunklen Augen blicken sie mich an. Die Haare vom Wind zersaust stehen die Männer auf der Ladefläche des Lasters. Zwischen ihnen ein Boot, dass die besten Tage schon hinter sich hat. Erstaunlich behende springt einer der älteren herunter und kommt auf mich zu. Alle anderen tun nichts. Kein Lachen, kein Kichern, kein Flüstern. Nicht einmal das Ziehen an einer Zigarette. Wären nicht die Krabben, die sich auf dem weißen Sand in ihrer ganz eigenen und eigenartigen Choreographie vor und zurück bewegen, man könnte meinen, die Zeit sei stehengeblieben.

Sechs Wochen früher hätte ich die Flucht ergriffen. Oder mir in die Hose gemacht. Starr vor Angst.  Aber es ist nicht sechs Wochen vorher. Es ist jetzt. Ich sitze am Strand von San Josè an der ecuadorianischen Westküste, blicke nach vorn auf das Meer und mit meinem inneren Auge zurück auf meine Zeit in Südamerika. Ganz gemächlich, ganz entspannt schlendert der Mann auf mich zu. Er trägt ein rotes T-Shirt und eine blaue Leinenhose. Beides ist mit Löchern übersät. Er ist barfuß und als er seinen Mund öffnet sehe ich das eine Schneide- und ein Eckzahn fehlen.

Befragt man vor Reiseantritt das Internet zum Thema Sicherheit in Südamerika, erhält man den Eindruck, dass man entführt wird, sobald man das Flugzeug verlässt. Oder umgebracht. Oder beides. Reihenfolge egal. In den allermeisten Fällen aber, soll man nicht umgebracht werden. Schlimmstenfalls ist derjenige, der da gerade auf einen zuhält betrunken. Oder ganz normal wahnsinnig. Alles wie zuhause eigentlich. 

So auch diesmal. Ich erhebe mich aus meinem Stuhl und steuere auf den Mann zu. Ich lächele und er lächelt zurück. Wir unterhalten uns auf Spanisch und ich verstehe erstaunlich viel. Plötzlich deutet er aufgeregt auf das Meer, doch ich verstehe ihn nicht. Dann geht der Mann in die Hocke und zeichnet etwas in den Sand, das große Ähnlichkeit mit einem Ballon hat. Es ist der Moment in dem ich das spanische Wort für Wale lerne: ballones.

Es ist auch der Moment in dem ich realisiere, wie sehr mich diese Reise verändert hat und wie sehr ich an ihr gewachsen bin. Fasse ich die Lektion dieser Reise in einem Wort zusammen, dann ist es: Gelassenheit. Es ist das eine Wort, das man auf der Karte mit einem dicken roten Stift einmal quer über den gesamten Kontinent schreiben kann. Wann der Bus kommt? Ist doch egal, Hauptsache er kommt überhaupt. 

Und diese Gelassenheit – das ist das Erstaunliche daran – steckt an. Aber es stimmt ja. Man kann sich nicht bei jeder Kleinigkeit in die Hose machen. Allein schon, weil man mit einem Rucksack unterwegs ist und die Menge an Wäsche zum Wechseln begrenzt ist. Wenn der Busfahrer auf einem Andenpass an der einzigen Stelle an der es links und rechts 600 Meter hinunter geht zu einem Überholmanöver ansetzt, hilft nur Augen zu und durch. Und wenn man doch abstürzt, hat man zumindest eine saubere Hose an.

Camping in der Wüste von Utah.
Den ersten, kurzen Teil dieser Reise habe ich allein gemacht, den zweiten und weitaus längeren zusammen mit meiner Frau. Was die Quintessenz dieser Reise angeht, bin ich mir jedoch sicher, dass sie eine andere wäre, hätte ich diese Reise als Teil einer größeren oder kleineren Gruppe unternommen. Aber warum ist das so? Warum erlebt man Länder, Städte und Landschaften so anders wenn man allein oder zu zweit reist?

Möglicherweise ist es eine Frage von Freiheit. Reist man allein oder zu zweit, ist man niemandem Rechenschaft schuldig. In einer Gruppe allerdings – egal wie groß – geht es um das, was ich auf einer Reise hinter mir lassen möchte: Kompromisse. Wenn ich unterwegs bin möchte ich tun und lassen, was ich will. Ich möchte mich einem unbekannten Strom an Bildern, Geräuschen und Gerüchen hingeben und mich einfach treiben lassen. Egal wohin, denn am Ende dieses Stromes liegt etwas Neues, Unbekanntes. Etwas von dem ich erzählen möchte, auch wenn das, was mich dort erwartet nicht immer nur schön ist. Aber ich glaube genau darum geht es, wenn man sich aufmacht, um ein fremdes Land zu erkunden. Es geht darum, das Land in all seinen Facetten, all seiner Ambiguität und Ambivalenz zu erleben.


Nur wer auch den Dreck, den Müll, die Armut und die Umweltverschmutzung gesehen hat, hat ein Land wirklich kennengelernt. Ob Müll in den Straßen Roms, Obdachlose in San Francisco, Slums in Guayaquil oder Walfleisch auf einer Speisekarte in Norwegen: es gehört dazu. In den großen Werken der Weltliteratur sind es die Schattenseiten, die den Charakteren Tiefe verleihen, die sie vor unserem inneren Auge, real erscheinen lassen, menschlich. Mit Kulturen verhält es sich genauso. Schaut man hinter die Strände, die großen Plätze, die Naturmonumente, so dringt man wahrscheinlich immer noch nicht bis zum Kern einer Kultur vor, aber man sieht sie anders. Ungeschminkt. Man sieht Pickel, Kratzer, Wunden - gerissen von der Geschichte. Manche werden heilen andere nicht und man kann auch nichts dagegen tun. Man kann sie nur anschauen. Aber auch Anschauen ist nicht gleichbedeutend mit Verstehen. Alles, was man in einem solchen Moment tun kann ist, das was ist, das Jetzt in sich aufsaugen, wie Wasser in einen Schwamm. Und dann kann man es mitnehmen auf seiner Reise durch die Welt und das Leben. Und man kann es wieder herauspressen, wenn die Zeit reif ist, und daraus lernen.

Das sind jedoch alles Dinge, die ich in einer Gruppe als schwierig ansehe. Vor allem weil sie auf Begegnungen mit Menschen beruhen. Meinem Gefühl nach, treffe ich weniger interessante Menschen – qualitativ und quantitativ – wenn ich in einer Gruppe unterwegs bin. Vielleicht hat das mit Hemmungen zu tun, sowohl auf der einen, als auch auf der anderen Seite. Eine Gruppe von Menschen, die sich untereinander kennen, wirkt immer ein wenig abschreckend und man wird seltener angesprochen. Auf der anderen Seite ist man seltener gezwungen die eigene Komfortzone zu verlassen und auf andere zuzugehen. Ist man allein, tut man – tue ich – das deutlich öfter. Und sei es nur um nach dem Weg zu fragen. Wäre ich in Brasilien nicht stellenweise allein unterwegs gewesen, ich hätte Hoyt Rockefeller wohl niemals getroffen. Auf einer Gruppenreise hätte ich niemals in der Wüste Utahs übernachtet und in einem Altenheim an den Niagarafällen wohl auch nicht. All diese Erfahrungen helfen mir andere Menschen und ihre Kultur nicht vorschnell zu beurteilen. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Im Mittel sind die Menschen anderswo, weder besser noch schlechter als bei uns. Das mag eine Binsenweisheit sein, aber sie ist es wert, dass man sie hinschreibt.

Schlechtes Wetter in South Dakota. 
Dennoch haben auch Reisen in Gruppen und sogar stringent durchgeplante Bustouren ihre Berechtigung, denn sie bieten größere Sicherheit. Je größer die Gruppe in der man sich bewegt, umso unwahrscheinlicher dürfte es sein, dass man beklaut wird. Man passt aufeinander auf und sorgt sich umeinander. Und man ist nie allein. Acht, zehn oder zwölf Augen sehen mehr als zwei. Fünf Gehirne finden unter Umständen schneller eine Lösung als eines. Das ist eben so und es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde das Individualreisen an jedem einzelnen Punkt immer nur großartig sind. Es ist mehr als einmal passiert, dass ich nicht wusste wo ich (oder wir) die Nacht verbringen sollten. Beklaut wurde ich auch fast. Ebenso kenne ich den Unterschied zwischen einer norwegischen Sykestue und einem norwegischen Sykehus. Und eine Fahrt durch eine Schlechtwetterfront in der Tornado Alley ist nicht schön.

Als Individualtourist, egal ob allein oder zu zweit, macht man Erfahrungen, die einen niemals verlassen. Auch negative. Noch heute halte ich in größeren Menschenansammlungen reflexartig alle meine Wertsachen fest. Eigentlich sogar schon in mittelgroßen. Aber auch das sind Erlebnisse und Erfahrungen, an denen ich gewachsen bin. Außerdem wird jede einzelne negative Erfahrung von einer Vielzahl positiver Erfahrungen aufgewogen und überstrahlt.

Freiheit oder Sicherheit? Das ist die große Frage des 21. Jahrthunderts und jeder muss für sich selbst eine Antwort darauf finden. Auf Reisen und auch sonst. Beides wird es in vollendeter Ausprägung nie geben. Es gibt keine absolute Sicherheit und meine eigene Freiheit endet bekanntermaßen dort, wo sie anfängt die Freiheit anderer Menschen zu beschneiden. Es ist auch keine Frage, die einfach zu beantworten wäre, aber das perfide daran ist, dass wenn man es nicht selbst tut, es möglicherweise andere für einen tun werden. Das man mit deren Antwort nicht notwendigerweise zufrieden ist, liegt in der Natur der Sache.


Freiheit oder Sicherheit? Wenn ich diese Frage nicht einmal für den begrenzten Zeitraum einer Reise beantworten kann, wie soll das für mein restliches Leben gelingen? Mehr Freiheit wagen. Ist es das, was eine Reise ausmacht, sowohl abseits einer Gruppe, als auch mittendrin? Vielleicht, denn das Gute an einer Reise ist, dass ich jedesmal die Erfahrungen der vergangenen Touren einbeziehen kann. Ich kann mich für mehr Freiheit entscheiden. Oder für mehr Sicherheit. Und jede neue Reise, jede einzelne Erfahrung, jeder noch so kleine Eindruck, wird sich auf mein Leben auswirken. Wird dafür sorgen, dass ich auch dort mehr Freiheit will. Oder mehr Sicherheit.

Freiheit oder Sicherheit? Diese Frage kann ich nicht für Euch beantworten, aber ich kann euch verraten, wie ich sie für mich beantwortet habe: Mehr Freiheit wagen! Ich kann im Prinzip beliebig oft reisen, aber leben kann ich nur einmal. Mehr Freiheit wagen! Und sei es nur für den begrenzten Zeitraum einer Reise in ein fernes Land. Auch und gerade weil ich nach drei großen Reisen weiß, dass die Eindrücke und Erfahrungen dieser Touren mich tragen werden. Im Alltag und auf der nächsten Reise. In Armut und in Reichtum. In Krankheit und Gesundheit. Bis zum bitteren Ende und darüber hinaus. Mehr Freiheit wagen! Es lohnt sich.

Mit der Frage ob man besser allein, zu zweit oder in einer Gruppe verreist, hat Robin von travel-forever.de zu einer Blogparade aufgerufen. Schaut vorbei und werft einen Blick auf die anderen Beiträge.

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren

Fast echte Wikinger zum Anfassen

Mautstraßen in Norwegen