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Regen - nach langer Zeit


Zugfahrt mit einer Flüchtlingsfamilie


„Es bedeutet: der Regen.“
Der junge Mann neben mir sieht mich an, lächelt. Mit seinen nach hinten gegelten schwarzen Haaren und seinem akkurat getrimmten Vollbart, hat er große Ähnlichkeit mit Sami Khedira. Dann sagt er: „Naja, nicht wirklich der Regen. Eher: Regen nach langer Zeit.“

Regen, nachdem es lange nicht geregnet hat. Einzelne Tropfen, die auf einen Stein fallen. Und in den Staub. Dazu der einzigartige Geruch, der die ersehnte Abkühlung bereits ankündigt und vorweg nimmt. Es ist ein poetischer Name, irgendwie. Er beginnt mit einem L. und er ist kurz, verglichen mit seiner Bedeutung. Fünf Buchstaben, mehr nicht. Er gehört zu einem kleinen Jungen aus Syrien, aus Damaskus. L. ist vier Wochen alt und hat in seiner kurzen Zeit auf dieser Welt schon viel erlebt.

Ich treffe L. und seine Famile im Zug von Hamburg nach Kopenhagen. Sie sind unterwegs ins schwedische Malmö. Dort haben sie Angehörige, von denen sie bereits erwartet werden. Wir teilen uns einen Tisch. Es ist die letzte Etappe ihrer Flucht, die neun Tage vorher begann und die kleine Familie – neben L. und seinem Vater gibt es noch seine Mutter, seine Schwester und einen Onkel – über die Balkanroute nach Deutschland gebracht hat.

Wenn L. zum Zeitpunkt unseres Zusammentreffens vier Wochen alt ist, war er beim Aufbruch in Damaskus drei Wochen alt. Höchstens. Drei Wochen! Das ist eine Zeit in der man Kindern Zeit gibt zum Ankommen in der Welt und zum sich Zurechtfinden. Zum Gewöhnen. An die Stimmen, die Geräusche, die Gerüche, das Licht. Eine Zeit in der man ein kuscheliges Nest baut. Eine Zeit in der ich mir dreimal überlegt habe, ob die eine Stunde Autofahrt zur Oma wirklich notwendig ist.

Ich weiß nicht, ob man sich die Verzweifelung vorstellen kann, die eine Familie mit zwei kleinen Kindern dazu treibt sich auf eine solche Reise zu begeben. Ich kann es nicht. Und ich kann es noch weniger, als sie mir von der Überfahrt nach Griechenland erzählen. Boot, sagt der junge Mann, sei das falsche Wort. Es sei eher so eine Art Floß. Völlig überfüllt. Man kennt diese Bilder. Zur Genüge. Aber es erzählt zu bekommen, von jemandem, der es selbst erlebt hat, ist etwas anderes. Wer sich weigere das Floß zu betreten, werde mit der Waffe bedroht.

Viel haben sie nicht dabei, außer ihren Kindern. Zwei Rucksäcke und ihre Smartphones. Ja Smartphones! Und sie tragen auch keinen Lendenschurz. Ich frage mich, wie Menschen in einem aufgeklärten Land wie unserem ein derart falches Bild von allem haben können, was sich jenseits des Bayerischen Waldes abspielt. Es sind keine Horden von Kameltreibern, von Wilden, die da zu uns kommen, sondern Menschen aus einem zivilisierten Land. Menschen, die nicht auf der Suche nach Almosen sind, sondern auf der Suche nach Sicherheit.

Überhaupt drängt sich da die Frage auf, ob es das noch gibt: unzivilisierte Länder. Wahrscheinlich nicht. Und wenn doch, dann nur, weil wir in einer kruden und letztendlich falschen Definition unsere westliche Lebensweise zur einzig erstrebenswerten erklären.

Zwei Stunden habe die Überfahrt nach Griechenland gedauert. Kann man sich das vorstellen? Mit zwei kleinen Kindern in einem Schlauchboot über das Mittelmeer. Will man sich das vorstellen? Griechenland, erzählt der junge Mann weiter, müsse man innerhalb von drei Tagen verlassen, sonst werde man weggesperrt.

Von dort sei man weiter nach Mazedonien und Serbien. Immer wieder auch zu Fuß. Nachts. In der Kälte. Das sei schwierig gewesen, wegen der Kinder. Zwischendurch habe er drei Tage nicht geschlafen. Doch selbst, wenn man die Kinder beiseite lässt, bleibt immer noch die Mutter. Man muss nicht lange überlegen, um zu dem Schhluss zu kommen, dass derartige Strapazen nicht angebracht sind, für eine Frau, die vor vier Wochen entbunden hat. Dazu kommen die Sorgen um die Kinder. Und das Stillen.

Aber dennoch: man kann die Kinder nicht beseite lassen. Weder L noch seine Schwester, die noch keine zwei Jahre alt ist und die nicht weint, nicht quengelt. Unglaublich nach neun Tagen auf der Flucht und den vielen Eindrücken. Neben der unglaublichen Ruhe und Geduld, die von den beiden Kindern ausgeht, beeindruckt mich vor allem die Gelassenheit, mit welcher der L.'s Vater von der Flucht erzählt. Kein Zorn. Kein böses Wort. Nicht über die Behörden. Nicht über Schleuser.

Und wieder: die Kinder. Die seien der Grund für die Flucht. Man wolle ihnen das bieten, was es in Syrien nicht mehr gibt: eine Zukunft. Früher, fährt der junge Mann fort, hätte man in Syrien niemanden mit einer Waffe gesehen. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie es ist im Krieg zu leben. Ich stelle es mir beklemmend vor. Bedrückend. Wie in einem zu engen Raum ohne Licht.

Der Bürgerkrieg in Syrien ist ein Krieg, der schon viel zu lange andauert. Wie jeder Krieg. Aus den Nachrichten ist er so gut wie verschwunden. Im Osten nichts Neues. Politiker sprechen von einer Bekämpfung der Fluchtursachen und trotzdem fassen alle großen Parteien, mit Ausnahme der Linken, den offensichtlichsten ersten Schritt nicht einmal mit der Pinzette an: die Ausfuhr von Waffen.

Man mag einwenden, dass auch mit Waffen aus anderen Ländern getötet werden kann, wenn keine deutschen zu Hand sind. Richtig. Ein Ausfuhrverbot von Waffen in Deutschland wird keinen Krieg verhindern. Aber es ist ein Unterschied, ob man das Leiden von Menschen nicht verhindern kann oder ob man sich daran bereichert. Eine mögliche Signalwirkung für andere Industrienationen käme hinzu.

Durch Serbien hätten sie ihre Flucht in einem völlig überfüllten Zug fortgesetzt. Zwölf Stunden ohne Pause, bis an die slowenische Grenze. Die Situation auf den Toiletten sei unbeschreiblich gewesen und teilweise hätten die Menschen sich gegenseitigt die Schuhe geklaut. Wer jetzt zu dem Schluss kommt, das seien halt Ausländer und die wüssten nicht wie sie sich zu benehmen hätten, dem empfehle ich eine Zugfahrt nach Köln an Rosenmontag.

Deutschland sei das erste Land gewesen, in dem man sie anständig behandelt hätte. Ich muss zugeben, es tut gut, dass unser Land international ausnahmsweise mal nicht durch das Anzetteln von Weltkriegen auffällt. Dabei, sagt der junge Mann, hätte er Verständnis dafür, wenn Deutschland keine Flüchtlinge mehr aufnähme. Was habe Deutschland mit der Situation in Syrien zu tun? Enttäuscht sei er von den arabischen Staaten, von Katar zum Beispiel, die ihre Grenzen einfach dicht gemacht hätten.

Konflikte unter Flüchtlingen. Ich glaube fest, dass es die gibt. Und Medien tun gut daran, diese nicht überzubewerten. Im Gegensatz zu Menschen, die sich vor Flüchtlingsunterkünften versammeln und Wir sind das Pack brüllen, kann man das erwarten. Zu viele Menschen auf zu engem Raum. Da sind Konflikte vorprogrammiert. Es gibt eine ganze Reihe von TV-Formaten, die genau darauf basieren. Das hat mit Lügenpresse nicht das Geringste zu tun. Ein Streit in einer überfüllten Flüchtlingsunterkunft hat den gleichen Nachrichtenwert, wie eine Schulhofschlägerei unter Achtjährigen.

Vor unserer Ankunft in Kopenhagen zählen sie noch einmal all die Länder, die sie in den letzten Tagen bereist haben. Es sind sechs. Oder doch sieben? Sie wissen es nicht mehr genau. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Viele Eindrücke. Zuviele. Von Malmö seien es noch fünf Stunden Fahrt bis zum Haus seines Bruders, sagt der junge Mann. Wenn er da sei, wolle er nur noch schlafen. Er hoffe auch die Kinder könnten jetzt zur Ruhe kommen. Und dann wolle er arbeiten, in einer Bank. Wie zuhause in Syrien. Rumsitzen und dem Staat auf der Tasche liegen, das sei nichts für ihn.

Bevor wir aussteigen, dann doch noch ein kleiner Kulturschock. Eine Frau läuft mit einem Hund in der Handtasche durch den Zug. Die Gesichtsausdrücke der Familie schwanken zwischen Staunen und Entsetzen. Das sei der Westen, sage ich, daran müssten sie sich gewöhnen. Sie lachen. Ein gutes Ende? Naja, ein Ende...

Was sind eure Erfahrungen in der Begnung mit Flüchtlingen? Habt ihr einen Artikel zum Thema geschrieben? Schreibt mir!

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