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Kharmapunkte

Nach unserem Ausflug zu den Riesen der Meere beschließen wir den Nachmittag mit einem klassischen Strandspaziergang zu verbringen. Von unserem Hotel aus laufen wir in Richtung Olòn, das unserer Einschätzung nach ein bisschen größer sein müsste als San Josè. Bereits auf dem Hinweg beobachten wir eine Gruppe Männer, die mit einem Netz bewaffnet größere und kleinere Meeresbewohner aus der Brandung fischt. 
Nach einer Weile erspähen wir mehrere Seesterne, die einen noch ziemlich lebendigen Eindruck machen und einfach so am Strand herumliegen. So in der Gruppe sehen sie aus, als wären sie achtlos weggeworfen worden. Wahrscheinlich Beifang. Ich weiß auch nicht warum - anscheinend habe ich einen mitleidigen Tag - aber ich sammele die Seesterne auf und werfe sie zurück ins Wasser. Birte unterstützt mich dabei. Nachdem ich am Abend vorher in unserem Zimmer einige Spinnen erledigt habe, kann ich die zusätzlichen Kharmapunkte sicher ganz gut gebrauchen. Man weiß ja nie. 
Der Besuch in Olòn verläuft eher unspektakulär. Wir finden kein Restaurant zum Abendessen und das Wasser, das wir kaufen ist bereits abgelaufen. Zum Zähneputzen kann man es aber sicher noch verwenden. Wir putzen uns hier übrigens immer mit Mineralwasser die Zähne. In einigen Gegenden ist das sicher nicht notwendig, aber für mich geht es dabei eher ums Aufbauen und Beibehalten einer Gewohnheit. Nicht dass man plötzlich in einer abgelegenen Gegend unterwegs ist und dann hat man den Salat. 
Seesterne als Beifang.
Auf dem Rückweg liegt dann etwas Kugeliges mit Leopardenmuster und großen Augen am Strand und atmet schwer. Meine erste Diagnose lautet Kugelfisch und wird von einer späteren Internetrecherche bestätigt. Komisch irgendwie hatte ich mir Kugelfische immer deutlich kleiner vorgestellt. Der Kamerad hier - offenbar auch Beifang - ist aber in etwa so groß wie ein platter Fußball. Außerdem bewegen sich seine Kiemendeckel schon ziemlich langsam. Trotzdem, wenn man ihn jetzt zurück in den Ozean wirft hat er vielleicht noch eine Chance. 
Die einzige Frage, die sich jetzt noch stellt ist: Wie um Gottes Willen man das anstellen soll?
Spontan meldet sich mein Gehirn (soll vorkommen) und meldet, dass Kugelfische giftig sind. Was ich allerdings nicht weiß ist, wann sie giftig sind. Muss man sie essen oder können die Tiere das Gift auch anderweitig zum Beispiel durch Pfeile oder Drüsen absondern. Auch ein nachträgliches und äußerst eindringliches Studium des wikipedia Artikels bringt keine eindeutige Auskunft. Dafür erfahre ich aber wie hoch die letale Dosis ist und wie das Gift wirkt. 
Die Wirkweise von Kugelfischgift ist hinterhältig und beeindruckend zugleich. Es handelt sich nämlich um ein Nervengift, welches das Gehirn außen vor lässt. Man kann sich im Falle einer Vergiftung also weder bewegen noch sprechen, bekommt aber alles bei vollem Bewusstsein mit. Der Exitus tritt in der Regel durch Atemlähmung oder Herzstillstand ein. Das sind ja rosige Aussichten!
Ich könnte jetzt was von misverstandenen Kreaturen, die nur durch die Medien und dass das Leben eines giftigen Tieres auch nicht weniger, als das eines Seesterns usw. Aber das wäre gelogen. 
In Wahrheit weiß ich nämlich nicht, was mich in diesem Moment geritten hat. Und ich kann auch nicht sagen, ob ich das noch einmal machen würde. Seither habe ich die Situation auch schon mit verschiedenen Leuten diskutiert und der einhellige Tenor ist der folgende: Wahrscheinlich, muss man einen Kugelfisch essen um sich zu vergiften. Wahrscheinlich könnt ihr euch denken, dass einem eine solche Aussage nicht viel nützt. 
Ich entschließe mich trotzdem dazu dem Tier zu helfen. Anfassen geht allerdings nicht. Schon wegen der Stacheln. Wer einmal von einem Fisch gestochen worden ist, bzw. anderen mit diesem Schickal anschließend beim Bluten zugeschaut hat, weiß wie schmerzhaft das sein kann. Und dieses Exemplar ist offensichtlich so etwas wie das Stachelschwein der Meere. 
Also wie weiter? Gemessen an der Bewegung der Kiemendeckel sollte ich mir auch nicht mehr allzu viel Zeit lassen. Birte hat die rettende Idee. Also für den Fisch. Schnell die Plastiktüte aus dem Rucksack gekramt und irgendwie um den Fisch gewurschtelt. Gar nicht so einfach ohne ihn anzufassen. Und so hängt der Fisch dann auch nur halb in der Tüte, als ich ihn wieder Richtung Wasser trage. 
Die Geier warten bereits.
Mehr oder weniger geschickt kippe ich das Tier zurück ins Meer. Kaum liegt es allerdings im flachen Wasser, kommt auch schon eine Welle und wirbelt es umher. Vor allem aber wirbelt es in meine Richtung. Kacke! Ich bin barfuss und mit nackten Beinen. Schon sehe ich die Schlagzeile vor mir: Deutscher (31) bei Kugelfischrettung verunglückt. Um einer Nominierung für die Darwin Awards zumindest fürs Erste aus dem Weg zu gehen, sprinte ich aus dem Wasser. Hinter mir her, der von den Wellen in eine Rotation versetzte Kugelfisch. 
Nach wenigen Sekunden haben wir dann wieder die Ausgangslage erreicht. Der Kugelfisch liegt schwer atmend am Strand und ich stehe daneben und gucke doof. Nun gut, es ist aber nur fast die Ausgangslage, denn die Kiemendeckel bewegen sich etwas schneller und etwas näher am Wasser sind wir auch. Einige der größeren Wellen können ihn jetzt schon erreichen. 
Irgendwie bin ich jetzt mittendrin in meiner Rettungsaktion. Ich warte auf eine größere Welle, die mir den Kugelfisch schwupps in meine Plastiktüte spült. Wasser zum Atmen ist ebenfalls dabei. 
Jetzt gilt es den mittlerweile schon wieder halb lebendigen Kameraden zurück ins Meer zu tragen. Dann ganz ganz vorsichtig die Tüte umdrehen. Stacheln und Gift und so. Dabei verheddert sich das blöde Vieh natürlich im Tragegriff. Er will es mir offenbar auch nicht zu einfach machen. Als ich ihn dann aus dem Tragegriff geschüttelt habe plumpst er zurück ins Wasser. Für mich das Signal zum Spurt. Nicht dass mir der Fisch aus lauter Dankbarkeit noch in den Fuß beißt.
Am Strand sofort umdrehen.
Er schwimmt! Er schwimmt!
Also wenn es dafür keine Kharmapunkte gibt, weiß ich auch nicht.
16 Stunden später. Meine Überlebenschancen steigen.

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