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Tomaten: Massenware oder edles Saisongemüse?



Ich sitze am Esszimmertisch und schreibe – ich sitze fast immer am Esszimmertisch, wenn ich schreibe – und frage mich, ob das gute Stück dieser Doppelbelastung auf Dauer gewachsen sein wird. Durch die geöffnete Tür weht der Duft von frisch gemähtem Gras herein. Die Luft ist staubig und der Himmel erstrahlt in einem unwirklichen blaugrau. Vor mir auf dem Tisch steht eine Schüssel mit Kirschtomaten. Es ist August. Tomatenzeit.

Ich nehme eine Tomate aus der Schüssel und drehe sie in meinen Fingern. Eigentlich hätte ich Wichtigeres zu tun. Aber, wie gesagt, es ist August. Die Tomate ist rot. Was auch sonst? Es ist ein besonders gleichmäßiges Rot, dass mich irgendwie an Rotkäppchen erinnert. Außerdem ist sie rund wie ein Ball. Alle anderen Früchte in der Schüssel sehen übrigens exakt genauso aus. Alles ist eine Kopie.

Ich stecke die Tomate in den Mund und sie schmeckt... wonach eigentlich? Nach Tomate, irgendwie. Und irgendwie ist genau das das Problem. Tomaten aus dem Supermarkt wird allgemein ein schlechter Geschmack nachgesagt. Aber stimmt das überhaupt? War früher wirklich alles besser?

Nach einer kurzen Suche im Internet lande ich bei der Landwirtschaftskammer Münster. Die behauptet tatsächlich: alles Quatsch! Tomaten aus dem Supermarkt schmecken nicht schlechter, als die aus dem eigenen Garten. Tomaten aus dem eigenen Garten seien für uns lediglich mit positiven Gefühlen aufgeladen. Sommer, Sonne und eventuell Urlaub im Süden.

Die zitierte Studie ist leider nicht verlinkt. Schade, denn ich hätte mich gern mit der Studie auseinandergesetzt. Eine Suche nach den Begriffen Tomatoe, taste, study und scientific bringt in dieser Hinsicht auch keinen Erfolg, wohl aber eine Menge Treffer. Der Geschmack der Tomate ist also auch in wissenschaftlicher Hinsicht ein heißes Thema. Verwunderlich ist das nicht, denn wer in der Lage ist dem Kunden eine Tomate auf den Leib, oder besser den Gaumen, zu schneidern ist marktwirtschaftlich im Vorteil.

Als ich weitersuche lande ich auf einem Artikel über den Unterglasanbau in Holland. Der Artikel ist gleich mehrfach interessant. Der Anbau findet zum Beispiel fast ohne den Einsatz von Pestiziden statt. Stattdessen setzt man auf ein ausgewogenes Gleichgewicht von Schädlingen und Nützlingen und High-Tech Überwachung der Pflanzen. Die holländischen High-Tech Tomaten sind also, und das ist eine gute Nachricht, kaum mit Pestiziden belastet. Eine Studie der Zeitschrift Ökotest bestätigt das. Trotzdem habe ich die Tomaten aus meiner Kindheit in besserer Erinnerung. Alles nur Einbildung?

In meiner Kindheit war die Tomate ein Saisongemüse und meine Erinnerungen diesbezüglich sind außerordentlich positiv besetzt. Oft wurde die erste Tomate des Sommers noch orange gepflückt und anschließend für ein paar Tage auf die Fensterbank gelegt. Zum Nachreifen. Diese erste Tomate habe ich auch immer in Scheiben geschnitten, um damit mein Butterbrot zu belegen. Salz und Pfeffer drauf. Lecker. Wirklich verdammt lecker. Aber auch leckerer, als die im Glashaus gezogenen Supermarkt-Tomaten?

Um das zu beurteilen, sollte ich zunächst konkretisieren, wonach die Supermarkt-Tomaten auf meinem Tisch eigentlich schmecken. Also noch eine aus der Schüssel geangelt und in den Mund gesteckt. Es schmeckt tatsächlich unverkennbar nach Tomate. Das ist, wenn man so will, die gute Nachricht. Und sie schmeckt auch von vorn bis hinten immer gleich. Vom ersten Bissen bis zum letzten Schlucken hat man immer einen gleichmäßigen Geschmack nach Tomate im Mund. In kurz: diese Supermarkt-Tomaten schmecken eindimensional und wenig komplex. Aber warum eigentlich?

Laut tomaten-welt.de liegt das daran, dass moderne Tomaten vor allem im Hinblick auf Aussehen und Haltbarkeit gezüchtet wurden. Das eigentlich Entscheidende, der Geschmack nämlich, wurde dabei vernachlässigt. Das hat zwei Gründe. Zum einen werden diese Tomaten nicht in Deutschland angebaut, sondern zum Beispiel in Holland oder Spanien. Das verursacht lange Transportwege, auf denen die Tomaten nicht einfach weggammeln dürfen. Wenn man das bedenkt und den Verbraucherwunsch berücksichtigt, dass die Tomaten auch nach dem Einkauf noch einige Tage haltbar sein sollen, versteht man, dass die Tomaten nicht im reifen Zustand geerntet werden.

Der zweite Grund ist die Kaufentscheidung des Kunden, die offenbar vor allem vom äußeren Eindruck der Tomate geleitet wird. Wir alle kennen die Gemüseabteilung im Supermarkt und das dort angebotene einheitlich aussehende Gemüse. Aber ist das wirklich sinnvoll? Ein großer deutscher Discounter, bietet seit Kurzem Gemüse mit Fehlern an. Ein Schritt in die richtige Richtung.

Ich habe das Glück in einer Gegend zu wohnen die mit ein Stück raus, ganz gut beschrieben ist. Dort gibt es einen kleinen Bauernhof mit Garten, von dem ich mein Gemüse üblicherweise beziehe. Regional und saisonal. Geschmacklich ist das Gemüse dem aus dem Supermarkt um Längen überlegen. Das gilt für alle Sorten, aber bei Tomaten empfinde ich den Unterschied als besonders drastisch.

Wenn man sich eine dieser Tomaten in den Mund steckt, kommt es, im Vergleich zur Tomate aus dem Supermarkt, zu einer wahren Geschmacksexplosion. Die Tomate schmeckt beim Reinbeißen anders als im Abgang. Das Aroma ist eine Mischung aus süß, sauer und salzig (wenn man die Tomate vorher mit Salz bestreut), bei der sich keines der Aromen in den Vordergrund dängt. Der Geschmack ist mehrdimensional und komplex, also das, was man üblicherweise als lecker empfindet. Es ist, das kann ich an dieser Stelle nicht leugnen, der Geschmack meiner Kindheit.

Allerdings ist es nicht so, dass die Tomate mich an meine Kindheit erinnert und deshalb besser schmeckt. Es ist der Geschmack selbst, der die Erinnerungen triggert. Aber was ist die Konsequenz daraus? Sollen Tomaten zum edlen Saisongemüse werden?

Dieser Ansatz ist allein schon wegen unseres hohen Konsums an Tomaten ziemlich utopisch. Mehr als 20 Kilogramm Tomaten hat jeder von uns im Jahr 2012 verspeist. Den Großteil davon übrigens nicht als Frischgemüse, sondern in verarbeiteter Form. Und auch ich bin ganz froh darüber im Winter Tomaten kaufen zu können, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Was man aber tun kann ist die Produzenten saisonaler Tomaten durch die eigene Kaufentscheidung zu stärken. Auf Märkten zum Beispiel oder in Hofläden. Das spart auch jede Menge Plastikmüll, denn ein Großteil der Supermarkt-Tomaten werden direkt nach der Ernte verpackt und erst dann an die Märkte geliefert.

Letztendlich muss das natürlich jeder für sich entscheiden. Die Kaufentscheidung kann einem niemand abnehmen. Ich persönlich kann nur dazu raten frisch geerntete saisonale Tomaten zu kaufen, bevor der Herbst endgültig zuschlägt. Es lohnt sich.

Schlusswort? Okay: Der Trend geht zur Kirschtomate, darüber scheinen sich im Moment alle einig zu sein. Wie seht ihr das? Ist die Tomate Massenware oder ein Saisongemüse? Und wie esst ihr eure Tomaten am liebsten?


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