Folge uns auf facebook

Sind die Grünen eine Altherren-Partei?


In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal ein Wahlprogramm in der Hand gehabt. Das ist ein bisschen komisch, denn ich war bisher immer (wirklich immer) wählen und habe mich dementsprechend auch mit den Forderungen der einzelnen Parteien auseinandergesetzt. Aber ein Wahlprogramm, so ein richtig echtes, eines aus Papier, habe ich noch nie bekommen.

Das scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein. Bei der letzten Bundestagswahl habe ich tatsächlich bei jedem einzelnen Wahlstand (sogar bei der FDP!) nach einem Wahlprogramm gefragt. Und jedes Mal wurde mir gesagt, ich solle doch lieber einen schicken Kugelschreiber mitnehmen und mich online nach einem Wahlprogramm umsehen. Digitalisierung und so.

Die Digitalisierungändert alles. Wann ändert sich die Politik? Auch diese, offenbar ernst gemeinte, Frage der Liberalen ist damit beantwortet: vor vier Jahren. Den Kugelschreiber habe ich übrigens abgelehnt. Aus Gründen absoluter Unbestechlichkeit.

Das Wahlprogramm, dass ich jetzt mein Eigen nennen darf, ist das der Grünen. Überreicht wurde es mir von drei Herren mit schneeweißem Haupthaar (der Vollständigkeit halber merke ich an: keiner der drei war Gandalf), die dort Wahlkampf betrieben. Naja, eigentlich war es nicht so richtig Wahlkampf. Eher so ein leises Wahlflüstern. Und es drängt sich die Frage auf: sind die Grünen eine Altherren-Partei? Sind die Grünen die neuen Grauen Panther?

Die beiden Spitzenkandidaten Özdemir und Göring-Eckardt zählen 51 Lenze. Also jeweils, nicht zusammen. Der dritte im Bunde, Anton Hofreiter, ist auch schon 47. Die Grünen, eine Partei, die ich Ende der 90er Jahre als jung und frisch empfunden habe, ist in die Jahre gekommen. Aus einem frischen Frühlingsgrün ist ein sattes nuancenloses Spätsommergrün geworden, dem der Übergang ins Rot droht.

Und es geht bei den Wahlplakaten weiter. Integration muss man umsetzen, nicht aussitzen. Kinderarmut kann man kleinreden oder groß bekämpfen. Umwelt ist nicht alles, aber ohne Umwelt ist alles nichts. Das sind Sprüche, die man als kleinsten gemeinsamen Nenner aller Parteien, mit Ausnahme der AfD bezeichnen kann. Keine Partei wird sich damit brüsten, die Kinderarmut in der nächsten Legislaturperiode um fünf Prozentpunkte anheben zu wollen. Und das Umwelt auch zu irgendwas nütze ist (nämlich um reichlich Touristen nach Bayern zu locken), hat sich inzwischen sogar bei der CSU herumgesprochen.

Das ist allerdings ein Phänomen, dass sich durch die komplette Parteienlandschaft zieht. Es ist Kuschelwahlkampf. Während sich unsere Gesellschaft großen Herausforderungen wie Klimawandel, Flüchtlingskrise und Terror gegenübersieht, bewerfen sich unsere Volksvertreter mit Wattebäuschchen.

Oder mit Zahlen. Das ist dann der Teil wo der Wahlkampf konkret wird. Dreiunddrölfzig Milliarden nach Vorsteuerabzug, wenn man die Kita-Gebühren im Haushalt nachträglich vorne dran multipliziert seit Ende der neunziger Jahre. Das sind Aussagen, die mit denen Politiker unglaublich kompetent wirken wollen, die aber gleichzeitig so beliebig sind wie ein Stück Toast. Weil man nämlich nicht nachvollziehen kann, wo sie herkommen.

Zwar gibt es mittlerweile eine ganze Reihe Faktenchecks, aber da geht es eher darum zu entlarven, wer flunkert und wer nicht. Außerdem muss ich zugeben, dass mich die genauen Zahlen gar nicht interessieren. Seit der Finanzkrise bin ich da etwas abgestumpft. Eine Null mehr oder weniger? Egal.

Was ich vermisse, sind konkrete Entwürfe, wie unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten aussehen soll. Das war früher einfacher. Da musste man sich als Politiker lediglich entscheiden, ob man den Sozialismus gut findet oder nicht. Seit der Sozialismus, mit Ausnahme der Vertretungen im asiatischen und karibischen Raum, als abgeschafft gilt, mäandern unsere Politiker im Zickzack über den weltanschaulichen Rasen und sind sich darüber einig, dass sie Marktwirtschaft wollen. Und zwar fast genauso wie sie jetzt ohnehin schon ist.

Anstatt zu sagen, wir möchten in zehn Jahren eine Gesellschaft mit diesen oder jenen Attributen sein, wird darüber gestritten, wann genau, man in Rente gehen kann. Ich sehe natürlich ein, dass es für jemanden der vierzig Jahre oder mehr gearbeitet hat ein wichtiges Thema ist, ob er oder sie in einem oder in drei Jahren in Rente geht. Aber meine Rente, falls ich überhaupt eine bekomme, ist noch so weit weg, dass 63, 65 oder 67 keinen Unterschied macht. Hinzu kommt, dass sich das sogenannte Renteneintrittsalter sowieso alle vier Jahre ändert. Manchmal auch schneller.

Das gilt, wie gesagt, für alle Parteien, aber bei den Grünen sticht es besonders ins Auge. Das liegt möglicherweise daran, dass einige der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft grüne Kernthemen sind. Wie bekommt man Klimawandel und Müllproblem in den Griff? Wie ernährt man sieben oder acht Milliarden Menschen ohne die gesamte Erde mit Monokulturen zuzupflastern?

Diese Fragen tauchen auf den Wahlplakaten der Grünen nicht auf. Von Lösungen ganz zu schweigen. Aber Lösungen sind auch nicht das, was ich an dieser Stelle erwarte. Die Probleme sind zu komplex, als dass es einfache Lösungen dafür gäbe. Auch wenn das von einem Teil der Bevölkerung erwartet wird. Was ich erwarte, und was die Grünen in der Vergangenheit häufig genug getan haben, ist diese bohrenden Fragen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu hieven. Mögliche Lösungsansätze inklusive.

Fünf Mark für einen Liter Benzin oder der Veggie-Day sind Beispiele dafür. Ob die Lösungsvorschläge der Grünen gesellschaftlich praktikabel sind, sei an dieser Stelle dahingestellt. Darum geht es auch nicht. Sondern darum einen tiefgreifenden gesamtgesellschaftlichen Dissens aufzudecken. Provokation und Polarisation sind dabei probate Mittel. Laut einem Artikel der taz, waren die fünf Mark übrigens keine Erfindung der Grünen. 

Unser übertrieben hoher Fleischkonsum schadet dem Klima. Wir müssen über unseren Fleischkonsum reden. Wie wäre es mit einem Veggie-Day? In der Art funktioniert das.

Zeit den Bogen zurück zum Wahlprogramm der Grünen zu schlagen, denn dort tauchen solche Forderungen nach wie vor auf. Die 20 schmutzigsten Kohlekraftwerke sofort abschalten. Keine Neuzulassung von Verbrennungsmotoren ab 2030. Ein klares Nein zu Waffenexporten. Das sind alles Forderungen, die es wert sind, dass man zumindest einmal darüber nachdenkt.

Die Forderung ab 2030 keine Verbrennungsmotoren mehr zuzulassen, kann man dabei exemplarisch herausgreifen. Ob diese Forderung wirtschaftlich und gesellschaftlich umsetzbar ist, steht auf einem völlig anderen Blatt. Aber es lohnt sich, darüber zu sprechen. Und zwar sachlich und nicht indem man die Grünen pauschal als Verbotspartei an den Pranger stellt. Kohle, Erdöl und Erdgas sind endliche Ressourcen. Allein deshalb muss man über einen Abschied vom Verbrennungsmotor nachdenken. Selbst dann, wenn nicht einsehen möchte, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht wird.

Wir müssen unseren Lebensstil massiv ändern und dazu gehört auch, dass sich unsere Mobilität verändert. Und das Ändern unseres Lebensstils beginnt damit, dass man darüber spricht, wie diese Änderung von statten gehen kann. Und zwar ohne das Teile der Gesellschaft auf der Strecke bleiben. Keine Frage, einem derart tiefgreifenden Wandel unseres Lebensstils und unserer Gesellschaft müssen große Anstrengungen vorausgehen. Aber ein einfaches Weiter so! ist die zweitschlechtestes Option. Nur das rückwärts gewandte Denken der AfD ist noch schlechter.

Warum diese Themen im Wahlkampf nicht aggressiver angegangen werden, weiß ich nicht. Notwendig wäre es. Vielleicht haben die Grünen einfach Angst, bei den Bürgern endgültig als Verbotspartei verschrien zu sein? Ich weiß es nicht. Aber ich befürchte, dass die Grünen am Wahlsonntag die Quittung für ihren zahnlosen Wahlkampf bekommen und ein Ergebnis deutlich unter zehn Prozent einfahren werden. Das wäre schade, denn ein guter Teil der Herausforderungen denen sich unser Land gegenübersieht sind umweltpolitischer Natur. Und diese Herausforderungen sind drängend. So drängend, dass es fast egal ist, ob man sie in der Regierungsverantwortung oder aus einer starken Opposition heraus angeht.

Ob ich selbst die Grünen wählen werde, weiß ich noch nicht. Ich werde auch einen Teufel tun und irgendjemandem empfehlen was er oder sie wählen soll. Die Wahlen in unserem Land sind frei und geheim. Und wenn ihr nicht die AfD wählt, dann werden sie das auch noch eine Weile bleiben.

Daniela von rassambla.de hat zu einer Blogparade zum Thema BloggerfuerBTW eingeladen. Mit diesem Post beteilige ich mich daran.

Dir hat der Artikel gefallen? Dann freuen wir uns, wenn du ihn mit deinen Freunden teilst. Vielleicht möchtest du uns auch bei facebook folgen. 

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren

Wohnmobilstellplätze in Nordfrankreich (...und auf dem Weg dorthin)

Fast echte Wikinger zum Anfassen

Mautstraßen in Norwegen