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Die schlafenden Felsen der Finnmark - ein Besuch an den Felszeichnungen von Alta



Wir sind in Alta, mitten in der Finnmark, der nördlichsten Provinz Norwegens. Es ist einsam hier, denn auf einem Quadratkilometer leben nur fünf Menschen. Vom Fjord her weht ein eisiger Wind über unsere Wollmützen hinweg. Hier gibt es keine Boutiquen, keine Kaffeebars und keine Hipster. Nur Natur. Rau und wild, unbarmherzig und kalt. Und Felsen, schutzlos in Wind, Sonne, Regen und Frost. Man ist weit weg von Shopping-Zentren, Mode und Kunst. Nicht aber von Kultur. Auch nicht von Geschichte. Die kleine Stadt – hier leben nur ca. 12.000 Menschen – beherbergt die größte Konzentration an Felszeichnungen in Nordeuropa.

Die Felsen haben geschlafen. Zweitausend Jahre und mehr. Und geträumt. Im Sommer unter der Mitternachtssonne und unter Polarlichtern im Winter. Unter Herbststürmen, die über sie hinwegziehen und von ihrer Existenz keine Notiz nehmen. Unter schmelzendem Schnee im Frühling, der sich langsam in Wasser verwandelt. Der erste Tropfen, der die harte Oberfläche hinab rinnt. Die Träne eines schlafenden Steins.

Vor über sechzig Jahren hat man begonnen, sie zu wecken. Zuerst nur einen einzelnen - den Pippistein. Mehr aus Versehen. Es war auch kein Archäologe, sondern eine Privatperson. Später, vor allem in den 1970er Jahren, hat man auch alle anderen wachgekitzelt. Hat ihnen die Decke aus Flechten und das Kissen aus Moos weggezogen, wie einem bockigen Kind, das nicht aufstehen will. 


Nach dem Aufwecken hat man die Felsen mit schräg gelegtem Kopf angestarrt. Sie haben zurück geblinzelt, schlaftrunken, schüchtern und stumm. Dann hat man sie zu ihren Narben befragt. Woran sie sich erinnern konnten, haben sie preisgegeben: Elche und Bären, Wale, Lachse, Menschen, Boote und Rentiere. Und Rentiere. Und Rentiere. Und Rentiere. Und Rentiere. Und Rentiere.

Ihre Narben: Felszeichnungen. Nein, Ritzungen, wie im schwedischen Tanum. Kerbungen. Naive Skizzen, mit primitiven Werkzeugen in den Stein geschlagen. Aber von wem? Kindern? Künstlern? Und womit?

Fragen.

Aber ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein und er antwortet nicht.

Schweigen.

Auch zum warum. Eitelkeit? Mitteilungsbedürfnis? Langeweile?

Man hat sie mit roter Farbe angemalt, um die Sichtbarkeit zu erhöhen. Aber nicht alle Figuren sind ausgemalt. Dann sind sie zwischen Moosen, Flechten und Wurzeln schwierig zu finden. Eine Erklärung, weshalb man sie nicht früher entdeckt hat.



Aber die Steine haben vieles vergessen. Namen, Gesichter, Geschichten. Der Wind hat sie fortgetragen, der Regen sie fortgespült. Sie sind vertrocknet unter der eisigen Sonne Lapplands. Von den Hufen der Rentiere wurden sie mitgeschleift, fortgeschleppt, verloren und selbst vergessen. Was bleibt sind Fragmente und Skizzen, Überreste, Spuren auf Steinen. Und Fragen.

Ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein. Und er antwortet nicht.



Hintergrund und Informationen

Die Felszeichnungen von Alta gehören zum Außengelände des Alta Museums und können in der schneefreien Zeit (etwa ab Mai) besichtigt werden. Insgesamt werden fünf verschiedene Epochen unterschieden, von denen die älteste vor etwa 6200 Jahren beginnt. Seit 1985 sind die Felszeichnungen von Alta. Weltkulturerbe der UNESCO. 
Wissenschaftler des Tromsø Museums gehen davon aus, dass die Ritzungen jeweils am Ufer des Alta Fjordes angefertigt wurden. Nach dem Rückgang des Eises gegen Ende der letzten Eiszeit, hob sich die Landmasse, was dazu führt, dass es die jüngsten Ritzungen aus der Zeit von etwa 1100 v.Chr. bis 100 n.Chr., der Wasserlinie am nächsten liegen. 
Auch das Museum selbst beschäftigt sich natürlich mit diesen Zeugnissen aus grauer Vorzeit. Aber auch die neuere Geschichte der Stadt und der Finnmark ist dort dokumentiert. Vor diesem Hintergrund wird vor allem das Zusammenleben der norwegischen und samischen Bevölkerung thematisiert.
Die Öffnungszeiten des Museums (auch für 2016) findet ihr hier. In der Hauptsaison kostet der Eintritt für einen Erwachsenen 95,- NOK. Für Kinder unter 16 Jahren ist es mit 15,- NOK deutlich günstiger. Kinder unter 7 Jahren kommen sogar umsonst rein. In der Nebensaison (1. Oktober bis 30. April) ist es etwas billiger. Eine vollständige Liste aller Eintrittspreise und Rabatte, z.B. für Studenten und Senioren, findet ihr hier.

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