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Septemberregen


Alles verfällt, nicht nur die Mona-Lisa. Gebäude, Menschen. Alles, ohne Ausnahme. Die Frau, die in der Nähe des Bahnhofs an mir vorbei läuft, verfällt auch. Unübersehbar beschleunigt. Durch was? Ihr Alter ist schwer zu schätzen und ihr Blick zieht sich an mir hoch. Dann ist sie an mir vorbei.

"Selfie Stick. Selfie Stick."

Durch ein paar enge Gassen, suche ich den Weg zum Kolosseum. An den Ecken stehen fliegende Händler und rufen: „Selfie Stick. Selfie Stick.“ Und die Touristen? Sie kaufen. Stick um Stick. Obwohl alles verfällt (Stück um Stück). Wenigstens den Moment festhalten, bevor er vorbeizieht, flüchtig, wie ein scheues Tier – ein Reh vielleicht – und nicht wieder kommt. Nie. Bevor ein Windhauch aufzieht, ein Stück Jetzt hinter sich her schleift und es zu Vergangenem macht. Gewesenem. Verwesendem. 

Es beginnt zu schütten. Im Bruchteil einer Sekunde, so scheint es, tauschen die Händler Selfie Sticks gegen Regenschirme.


Ich biege um eine Ecke und dann liegt es vor mir: das Kolosseum. Groß, alt, halb verfallen. Im Innern erklimme ich ein paar Stufen, trete hinaus und blicke in das weite aus Ziegeln gemauerte Oval. Wenn man die Augen schließt kann man hören, wie der Regen den Mörtel aus den Fugen spült, bis nichts mehr bleibt. Nicht einmal Trost.

Von Tribünen und Treckerreifen

Auf meinem Weg um die Arena bleibe ich stehen, wieder und wieder, denke an moderne Arenen. Das Bird's Nest, die Allianz Arena, Wembley, … sucht euch euren Favoriten aus. Alles bröckelt. Unsichtbar – noch – aber unaufhaltsam. Und in 2000 Jahren? Wird davon nichts übrig sein, als ein paar Steine – wenn überhaupt – und der Gedanke an ein archaisches Massenvergnügen.

Man kann Kosmetik betreiben. Die Toiletten sanieren oder eine neue Tribüne bauen. Schlussendlich aber nutzlos, wie Botox oder Schönheitsoperationen. Die Haut gestrafft und die Lippen zu grotesken Treckerreifen entstellt, saniert man nichts als die Fassade. Das Innere bröckelt weiter. Als ich die Treppen wieder hinab steige, weht mir aus einer Ecke der Duft von Gras um die Nase.


Der Regen nimmt zu als, ich den Circus Maximus und den Palatin umrunde. Die Wolken hängen tief und tauchen den Himmel in ein Farbspektrum, das alle Abstufungen von Violett zu enthalten scheint. Alles liegt da, wie Essensreste auf einem Teller. Ein halbe Kartoffel hier, abgenagte Rippchen da. Dazwischen ein paar Bohnen, arglos über den Teller verstreut. Jemand hat Soße auf das Tischtuch gekleckert.


In einem Irish Pub suche ich Schutz vor dem Wetter. Im Fernsehen läuft Lazio gegen Udinese. Ich bestelle etwas zu essen. Panem et circenses. Am Tresen neben mir sitzen zwei Amerikaner.

„Ihr seid den ganzen weiten Weg aus New York gekommen, nur um in einem Irish Pub abzuhängen?“, frage ich und könnte mir die gleiche Frage stellen. 

„Genau.“, sagen die Amerikaner.

Bevor sie gehen, fragen sie mich noch, wo sie Gras kaufen könnten.

„Im Kolosseum.“, sage ich.

Als ich zum Hotel zurückkehre, sitzt die Frau auf den Stufen des gegenüberliegenden Hauses, als warte sie auf irgendetwas. Sie hat die Beine vor die Brust gezogen und wirkt genauso verfallen, wie das Gebäude hinter ihr.

Alles verfällt. Alles.

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