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Islamistisch-bolschewistische Weltverschwörung


Das Schönste am Abendland ist seine Verlässlichkeit. Regelmäßig steht sein Untergang bevor. Es ist so schlimm, dass man es mit der Angst zu tun bekommen könnte. Was hatten wir nicht schon alles. Griechenland, Bankenkrise und Vogelgrippe sind da nur die Spitze des Eisbergs. Nun hat aber das CERN bis heute noch kein einziges schwarzes Loch produziert und auch der Euro – in den späten 90er Jahren immerhin viermal in Folge Top Bedrohungsszenario des deutschen Volkes – hat es nicht geschafft. Kann sich noch jemand an das Jahr-2000-Problem erinnern? Eben. Jeden Morgen mache ich das Fenster auf und das Abendland ist noch da. Man glaubt es gar nicht.

Seit einiger Zeit hat nun eine Bedrohung Konjunktur, die man schon fast als Retro bezeichnen könnte: der Islam. Den ist das christliche Abendland seit 1095 nicht mehr so richtig losgeworden Tragisch. Massenhaft fallen bewaffnete Reiterhorden in den Okzident ein und machen mit ihren Krummsäbeln unsere schönen abendländischen Werte, wie Wetten dass und Schwarzfahren kaputt. Und keiner wehrt sich.

Naja, fast keiner. Es gibt ja noch diverse wackere Damen und Herren, die sich in ihren "Vereinen“ allesamt eines auf die schwarz weiß rote Fahne geschrieben haben: die Rettung des Abendlandes in buchstäblich letzter Sekunde. Wobei mir in dem Zusammenhang nie so ganz klar wird, was da mit Abendland gemeint ist. Deutschland in den Grenzen von 1939? Oder darf man da zum Beispiel Frankreich mit dazu nehmen? Ich sage nur: Reizthema Erbfeindschaft!

Auf Spaziergängen skandiert man dann gerne mal „Wir sind das Volk!“. Das ist doch schön. Da fühle ich mich gleich an die gute alte Zeit (1989) erinnert und mir wird ganz warm ums Herz. Eine Bewegung, die sich selbst in der Tradition der Freiheitsbewegung meines Heimatlandes sieht muss großartig sein. Geht ja gar nicht anders! Und wenn ich mein rechtes Auge ganz fest zumache, übersehe ich auch, dass die zweite, die wichtigere Forderung von 1989 fehlt: Keine Gewalt!

Auf den Transparenten steht dann was von deutscher Leitkultur und ich frage mich immer, was das in diesem Zusammenhang sein soll. Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit sicherlich nicht. Aber was dann? Man muss in der deutschen Geschichte gar nicht so weit zurück blättern und man findet vieles von dem, was dem politisch verdrossenen Simpel von heute ebenfalls geboten wird: Aufmärsche abhalten, einfache Lösungen für komplexe Fragestellungen und natürlich – der Klassiker schlechthin – Minderheiten erst die Schuld in die Schuhe und anschließend in den Ofen schieben. Hinterher entweder nichts gewusst, oder das so natürlich nicht gewollt zu haben, ist eine ebenso schöne deutsche Tradition wie der Martinsumzug oder das gemeinsame Eintopfessen.

Was noch fehlt ist ein ideologischer Überbau. Aber wie heißt ein deutsches Sprichwort: kommt Zeit, kommt Überbau. Dann fällt auch die lästige Unterscheidungen zwischen Asylanten, Lügenpresse, Gutmenschen, Islamisten und vaterlandsverratenden linken Politikern weg. Das alles kann dann bequem unter dem Begriff der islamistisch-bolschewistischen Weltverschwörung zusammengefasst werden. Daran, dass krude oder sogar geheime Mächte am Werk sind, die einzig und allein die Zerstörung des Abendlandes zum Ziel haben, scheint ohnehin kein Zweifel mehr zu bestehen.

Dennoch, das Volk (wo wir sein tun) hat Angst. Vor Überfremdung, vorm Islam, vorm schwarzen Mann und überhaupt. Und vielleicht auch davor, dass der ganze schöne Weißkohl zu Krautsalat verarbeitet wird und dann nicht mehr genug Weißkohl da ist, um Sauerkraut zu machen. Und uns bitte nicht auch noch die ganze gute Leberwurst wegessen. Oder den Golden Retriever – das ist der Dachshund 2.0 – verbieten. Also, dann... also... dann... dann können wir den Laden hier zusperren. Endgültig.

Eigentlich fehlt nur noch, dass zu einem Kreuzzug aufgerufen wird und sich ein mit Knüppeln und  Mitgabeln (also falls man jemanden findet der weiß, wie man die benutzt) bewaffneter Mob in Richtung Orient aufbricht, um die heiligen Stätten zu befreien. Für ein solches Unternehmen wäre der Name Barbarossa angemessen, schließlich sehnt man sich hierzulande schon viel zu lange nach einem Anführer, der das Reich eint und es anschließend mit ebenso starker wie gerechter Hand regiert. Kann aber auch sein, dass man statt im Heiligen Land an der Wolga landet. Aus Mangel an Orientierung. Politisch, geographisch, historisch, kulturell und überhaupt. In dem Fall wird der Genosse Putin sicherlich ein Wilkommenständchen auf der Stalinorgel spielen.

Was die politische E-Jugend unseres Landes (nach der Einwechselung einfach mal mit dem Ball in Richtung eigenes Tor laufen) bei ihren Versuchen das Abendland zu retten – ich unterstelle mal, dass sie das ernst meinen – allerdings übersieht, ist dass sie in der Tradition der einzigen Bewegung agiert, die es tatsächlich fast mal geschafft hätte das Abendland zu vernichten.

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