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Anglerlatein

Alces alces.

Wer glaubt, Latein sei eine tote Spache, der täuscht sich. Und zwar gewaltig! In den Unterformen des Jäger- und Anglerlateins ist sie nach wie vor quicklebendig. Das Gute am Anglerlatein ist, dass man nicht stundenlang in staubigen Bücherstuben sitzen muss, um Grammatik zu pauken, während der Rest der Welt sich anderweitig die Zeit vertreibt. Mit Fußball und Heavy Petting zum Beispiel. Man spricht es, sobald man auch nur einmal eine Angelrute in der Hand hatte. Und zwar fließend! Es ist also an der Zeit, dass ich hier auch mal welches verzapfe.


Ich ziehe also meine Kapitänsmütze zurecht, stopfe genüßlich meine Pfeife und streiche mir durch meinen imposanten Vollbart. Neben mir steht eine Tasse mit heißem Kakao. Ich nippe daran und verziehe das Gesicht. Eine Note Zimt hin, ein Hauch Vanille her: der Rum fehlt! Draußen heult ein Sturm und peitscht die Wellen gegen die Küste. „Potztausend, der Saltstraumen!“, poltere ich und schlage mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein kleines Buddelschiff fällt aus seiner Halterung und rollt über das abgenutzte Holz.

„Was war am Saltstraumen?“, fragt ein kleiner Junge, den ich mir eventuell nur einbilde, weil ich ja schon alt bin und mich mittlerweile auch für einen Kapitän zur See halte.

„Beim Klabautermann, der Saltstraumen!“, murmele ich leise und streiche mir noch einmal mit der Hand durch den Bart. Dann fange ich an zu erzählen:

„Der Salstraumen ist der größte Gezeitenstrom der Erde. An seiner engsten Stelle ist er nicht einmal 300 Meter breit. Bei Ebbe schießt das Wasser mit einer unvorstellbaren Wucht aus dem Fjord. Und bei Flut wieder heraus. Durch die Strömung bilden sich überall kleine Strudel, die wie ein Seeungeheuer alles mit sich in die Tiefe reißen, was ihnen in die Quere kommt. Und mit der Strömung kommen Myriaden von Kleinstlebewesen. Futter für Schwärme von kleineren Fischen, die gleich hinterher kommen.


Da sich größere Fische jetzt auch nicht von – sagen wir mal Rosenkohl – ernähren, kommen die auch. Der Saltstraumen gilt gemein hin als ausgezeichnetes Angelrevier. Und das zu Recht. Ich stehe etwas oberhalb der Engstelle an einer kleinen Bucht in der die Strömung sich eher turbulent verhält und stellenweise sogar entgegengesetzt zu den Gezeiten strömt.

Es ist etwa elf Uhr abends. In meinem Rücken versinkt die Sonne und taucht die Schneelfelder im Osten in ein surreales Rot. Alpenglühen nennt man das etwas weiter südlich. Um mich herum ist der ganze Fjord in Bewegung. Fische springen in ganzen Schwärmen und darüber in der Luft stehen die Möwen, kreisend und kreischend. Und das Wasser? Das macht sowieso was es will. Überall kleine Strudel und Stellen an denen es mit Macht wieder an die Oberfläche drückt. Alles sieht aus wie ein überdimensionaler Kochtopf.

Dann allerdings passiert etwas Seltsames. Und es passiert so langsam, so gemächlich, dass ich nicht mit dem Finger darauf zeigen kann um zu sagen: „Da, genau da, hat es begonnen.“

Zum Wechsel von Ebbe und Flut, also etwa alle sechs Stunden, kommt die Strömung zum Erliegen. Natürlich nicht sofort. Nicht auf ein Fingerschnipsen vom lieben Gott. Sondern langsam. Betulich, um mal ein Wort aus der Kramkiste meiner Uroma zu benutzen.


Und es ist nicht nur die Strömung selbst, die zum Erliegen kommt, sondern Alles. Die Fische hören auf zu springen (und zu beißen) und selbst die Möwen stellen für einen kurzen Moment das Gekreische ein. Der Fjord, eben noch Sinnbild des Fressens und Gefressenwerdens, liegt vor mir wie ein Gemälde Capar David Friedrichs. Sinnbild der Stille und der Größe der Natur gleichermaßen.

Kein Windhauch weht und keine Welle erhebt sich um ein Kräuseln in die siegelglatte Wasseroberfläche zu schlagen. Ich lasse die Angelrute sinken und blicke auf den Fjord. Ich bin allein. Das ist fast noch unglaublicher, als die Tatsache, dass ich Zeuge eines unwirklich anmutenden Naturschauspiels bin.

Dann erhebt sich zu meiner Rechten eine mächtige Rückenflosse aus dem Wasser, zerteilt die Oberfläche wie mit einem Messer und taucht wieder ab. Dann noch eine. Und noch eine weitere. Eine Gruppe Wale zieht in den Fjord.

Unwillkürlich blicke ich mich um. Könnte ja sein, dass da ein Mitarbeiter des Tourismusverbandes steht, der das Alles koordiniert. Aber da ist niemand anderes, als die norwegische Natur von ihrer besten Seite.

Dann, genauso langsam wie sie verschwunden ist, setzt die Strömung wieder ein."

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