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Fluoreszenz und Schokolade

In der Ferne der Cotopaxi.
Tag drei in Quito. Wir haben uns ganz dreist einen privaten Führer geleistet, um die Quilotoa Karterlagune mal ein wenig genauer in Augenschein zu nehmen. Jaja schon klar, Dekadenz und so. Der private Führer... vielleicht sollte ich Guide schreiben? Aber das ist dann fürchterliches Denglisch. Will man das... Jedenfalls, es kostet im Vergleich zu einer Gruppenreise nur 20 $ mehr pro Person. Wir finden das akzeptabel, denn auf diese Weise erspart man sich Stopps auf Kunsthandwerksmärkten und erzwungene Interaktion mit indigenen Familien.
Die Quilotoa Lagune liegt etwa drei Autostunden südlich von Quito auf einer Höhe von 3200 m. Der Rand des Kraters liegt auf 3800 m. Wonach klingt das? Richtig! Herzrasen, Atemnot, Lungenembolie. 
Bevor wir jedoch zum Krater hinab steigen, geht es erst einmal die Straße der Vulkane entlang. Humboldt lässt grüßen. Der Cotopaxi hat offenbar gute Laune und winkt uns zu, als wir Quito verlassen. Wir passieren noch eine ganze Reihe weiterer Vulkane, ehe wir hinter Latacunga eine Hochebene erreichen.
Die Quilotoa-Lagune von oben.
Die Menschen in diesem Gebiet fristen ein Leben wie vor 100 und mehr Jahren. Kein Strom. Fließend Wasser nur als Rinnsal vor der Haustür. Wenn überhaupt. Ärzte gibt es keine, wer krank wird stirbt. Wer großes Glück hat kann zur Schule gehen. Ein Weg fünf Kilometer.
Die Menschen leben von Ackerbau und ein wenig Viehzucht. Auf 4000 m sicher kein Spaß. Außer Knoblauch, Zwiebeln und vielleicht Kartoffeln wächst hier nichts mehr. 
Die Hütten der indigenen Bevölkerung sind ärmlich und mit Stroh gedeckt. Das Dach reicht bis auf den Boden, weil das Geld für Lehmziegeln fehlt. Der eine Raum dient als Küche und Schlafstatt gleichermaßen. Außerdem wird er mit Kaninchen und Meerschweinchen geteilt.
Der Ort Quilotoa ist gerade dabei sich zu entwickeln. Hotels und Restaurants befinden sich im Bau. Zwar gibt es noch immer keinen Laden in dem ein europäischer Magen unversehrt Nahrung aufnehmen könnte, aber in absehbarer Zeit, kann man hier sicherlich übernachten. Es hat den Anschein, als würde sich Quilotoa langsam aber sicher zu einer Touristenattraktion entwickeln. Gut für die Menschen, denn Tourismus generiert Einnahmen. Schlecht für die Stille, denn das ist es was im Gedächtnis bleibt von diesem unwirklichen Ort. Nicht einmal ein Vogel ist zu hören. Außerdem ist es windig und kalt. 4000 m eben.Und unten mitten drin im Krater ein türkisblauer See. Gebildet hat er sich nach einem Erdbeben, als sich das Innere des Kraters spontan absenkte. Anschließend lief infolge des Niederschlages mehr Wasser in den See, als versickerte und verdunstete. Seit einigen Jahren, so unser Guide, ist der Prozess aber rückläufig. 
v.l.n.r. Lama, Alpacca, Birte.
Tipp vom Reisefüher aus Papier: Das Wasser nicht trinken! Alkalisch. Ach so, danke für den Hinweis. Weil ich ja sonst jedes stehende Gewässer in Südamerika auf den Geschmack untersuche. 
Unten an er Lagune selbst kann man nicht viel tun, außer die unbeschreibliche Ruhe genießen. Und exakt das tun wir dann auch. Wir packen unsere mitgebrachten Empanadas (integral con queso) aus und machen eine ausgiebige Mittagspause. Und nach dieser Mittagspause startet dann - kaum zu glauben aber wahr - das eigentliche Abenteuer des Tages. 
Den Weg nach oben treten wir auf ausdrückliche Empfehlung unseres Guides auf Maultieren (Pferdestute und Eselhengst) bzw. Mauleseln (andersrum) an. An dieser Stelle möchte ich vorausschicken, dass ich einer gesunden Grundskepsis gegenüber Pferden leide. Die Tiere sind größer als ich und tendenziell unkontrollierbar. Zumindest für mich. Außerdem sehen Menschen denen ein Pferd seine Hufe auf die Lichter gedrückt für eine Weile erstens schlecht und zweitens schlecht aus. Aber beim Weg nach oben im Staub zu krepieren ist ja irgendwie auch keine Option. 
Zwar nicht John Wayne, aber Gottseidank auch nicht Kevin Costner.
Also todesmutig rauf auf die Viecher und losgejuckelt. Meine Güte, wie das schaukelt! Birtes Gefährt hört auf einen Namen der so ähnlich klingt wie Fluoreszenz, wohingegen mein reitbarer Untersatz auf den einfachen Namen Chocolata hört. Chocolata, hört hört! Eine der wenigen Gelegenheiten einmal einen Helden meiner Kindheit zu Wort kommen zu lassen! Vorhang auf für... Pittiplatsch (den  Lieben): Braun wie Schokolade ist mein Pferdchen Franz, vorn hat es zwei Ohren, hinten einen Schwanz. Mit diesen außerordentlich weisen Worten sind sowohl Pferd Franz, als auch Maultier Chocolata hinreichend beschrieben.
Und jetzt geht's los. Fluroszenz vorne weg und Chocolata hinterher. Allerdings scheint Fluoreszenz schon ein wenig alterschwach, weshalb es des öfteren stehen bleiben muss. Auch Chocolata bleibt dann stehen, allerdings eher widerwillig und in der Regel auch mit dem Versuch, sich irgendwie zwischen Fluoreszenz und Abhang durchzumogeln. Das kann sich Fluoreszenz natürlich nicht bieten lassen! Blitzschnell setzt es sich ebenfalls in Bewegung und versucht nun seinerseits unbedingt vor Chocolata zu bleiben. Das passiert immer genau dann, wenn die indigene Frau, der die beiden Tiere gehören mal kurz nicht hinsieht. 
Da weder ich noch Birte irgendeine Gewalt über die Viecher haben, muss die arme Frau dann jedesmal losspurten und Chocolata am Schwanz festhalten. Bergauf und bei dem vielen sehr feinen Staub, den die Maultiere aufwirbeln ein echter Knochenjob. Hatte ich am Anfang noch Anflüge sportlicher Ambitionen den Aufstieg allein bewältigen zu wollen, versichert mir der Anblick der schwer atmenden Frau, dass ich hier niemals allein hochgekommen wäre.
Wenn Maria, so heißt die Maultierbesitzerin, das Rennen dann unterbrochen hat ist erst einmal eine Weile Ruhe. Zumindest zwischen den Maultieren, denn mir persönlich gefällt die Neigung der Tiere, immer möglichst nah am Abgrund zu laufen kein bisschen. Am liebsten möchte ich absteigen, aber damit komme ich ja auch nicht weiter. Ich käme vom Regen in die Traufe, bin gefangen zwischen Baum und Borke! Vor allem aber sitze ich fest und zwar auf Chocolata, allerdings nicht im Sattel, denn meine Füße passen nur mit größter Anstrengung in die Steigbügel. Ich bin eben zu groß für die Anden!
So geht das etwa eine halbe Stunde. Maultierrennen. Stopp. Schön weit außen laufen. Todesangst. Und ab und zu entschließt sich Chocolata zu einem Boxenstopp und kaut an einem Büschel Gras. Vorher ändert es natürlich noch jedesmal abrupt die Richtung. Mit mir kann er's ja machen. 
Irgendwann sind wir wieder oben und alle sind völlig fertig. Maria und die Maultiere körperlich. Ich mit den Nerven. Alles in allem: Sehr schön in Quilotoa. Nochmal da hin? Ja, aber nur in der Form meines Lebens!
Endlich oben.

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