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Wie ich einen veritablen Kulturschock erlitt

Einen Block von meinem Nobelhotel entfernt sah's so aus.


Nach dem einfachen Prozedere an der brasilianisch-argentinischen Grenze beschloss ich meinen Weg nach Asuncion in Paraguay ebenfalls mit einem Linienbus fortzusetzen. Bus zum Terminal genommen und dort nach einem kurzen Sprint in den Bus nach Ciudad del Este in Paraguay gestiegen. Alles kein Problem eigentlich. Eigentlich.
Die Rechnung hatte ich in diesem Fall nämlich ohne die Brasilianer gemacht, die über die Grenze fluten, als gäbe es auf der anderen Seite was umsonst. Stau. Immer wieder hält der Bus und sammelt weitere Fahrgäste ein, die uns einfach mal so ranwinken. Irgendwann erreichen wir dann doch die brasilianischen Kontrollen und ich muss aussteigen um mir meinen Stempel zu holen. Aufgrund des großen Andrangs sind die Behörden hier schon nicht mehr ganz so entspannt, aber ich bekomme ohne Probleme meinen Stempel.
Etwa 20 Minuten später schnappe ich mir den nächsten Bus und weiter geht’s nach Paraguay. An den Kontrollen dort hält der Bus natürlich nicht. Warum sollte er  auch? Die nächste Haltestelle liegt 300 m hinter den Kontrollen. Alle, ich eingeschlossen, verlassen den Bus, aber ich bin der einzige Depp, der zurück zu den Kontrollen laufen muss.
Also durch das Gewusel zurück zu den Behörden. Es gibt keinen politisch korrekten Begriff, um zu beschreiben was da abgeht. Der Begriff Polenmarkt drängt sich auf, aber man würde den Polen damit schweres Unrecht tun.
Den Einreisestempel zu bekommen dauert unfassbar lange. Und zwar nicht wegen der langen Schlangen, sondern weil der Beamte erst in Zeitlupe meinen Pass durchblättert und dann fast noch langsamer etwas in seinen Computer tippt. Zwei-Finger-Adler-Such-System.
Irgendwann bekomme ich dann den Stempel und dann geht das eigentlich Warten los. Draußen fahren zwar eine Menge Busse an mir vorbei, aber keiner von der richtigen Gesellschaft. Ich habe den falschen Zettel, also halten die nicht an, sondern rußen mich lieber mit ihren Abgasen voll. Nach etwa einer halben Stunde, bedeute ich einem der Fahrer, dass ich bezahlen wolle. Das ist im System nicht vorgesehen, aber der Fahrer hält trotzdem an und ich bezahle nochmal einen Euro. Dafür darf ich jetzt aber auch bis zum Terminal mitfahren. Puh!


An einer Straßenecke hat jemand Feuer gemacht. Warum auch nicht.

Das Terminal wird von Stacheldraht geschützt und draußen wohnen Leute in unfassbarem Elend in selbst gebauten Hütten aus Brettern und Plastikplanen. Die meisten von ihnen scheinen indigener Abstammung zu sein. Guarani wahrscheinlich. Besonders pervers daran ist, dass die Währung von Paraguay ebenfalls Guarani heißt.
Am Busbahnhof werde ich dann direkt von allen möglichen Leuten belagert, die mir alle ein Ticket nach Asuncion verkaufen wollen. Ein Ticket kostet keine zehn Euro. Der Guarani, also die Währung, ist allerdings nichts wert und so muss ich mir erstmal ein paar Scheine mit vielen Nullen am Automaten ziehen. Ich kann den Preis des Tickets durch geschicktes Handeln, ich weigere mich einfach mehr zu bezahlen, noch um 10.000 G$ drücken.
Der Bus ist so semi bequem, aber für die paar Stunden nach Asuncion  ist es dann wohl okay. Erst recht zu dem Preis. Nichts, aber auch gar nichts hat angedeutet was dann passierte. Der Bus ist einigermaßen voll, hält aber alle naselang an um noch mehr Passagiere einsteigen zu lassen. Irgendwann ist das Ding dann voller als die S1 zur Stoßzeit. Überall auf dem Gang stehen Männer, Frauen und Kinder. Und es werden immer noch mehr! Unglaublich.
Und als ob das nicht reicht, steigen hin und wieder auch noch fliegende Händler ein, die sich durch das ohnehin schon dichte Gedränge nach hinten schieben. Dabei haben sie Brotkörbe von der Größe eines Bierkastens auf der Schulter. Was für ein Wahnsinn! Aber keiner protestiert oder regt sich auf. Das ist fast noch unvorstellbarer.
Der Bus rollt unterdessen fröhlich über die Landstraße. Am Fenster zieht Landschaft vorbei. Ab und zu Dörfer mit Kühen, Ziegen, Hühnern und Schweinen, die meistens einfach so rumlaufen. Lediglich die Kühe sind angebunden. Wir überholen ein Motorrad. Die Beifahrerin hält sich mit einer Hand fest. Mit der anderen drückt sie einen Säugling an ihre Brust. Na Mahlzeit!
Hin und wieder fahren wir auch einfach an Leuten vorbei die dem Bus hektisch zuwinken. Wahrscheinlich, weil sie mit wollen. Ein System nach dem angehalten wird, oder eben auch nicht, ist nicht erkennbar. 
Auf der Ladefläche eines Kipplasters wird – kein Scheiß! – ein Pferd samt Besitzer spazieren gefahren.
Die frisch geschlachtete Kuh, die das Innere nach Außen an der Straße hängt, heutige Schlachtung hoffe ich, ist noch das Harmloseste. 
Überall kleine Tümpel. Gelbfieber, Malaria, Dengue. Achachach.


Schwer zu glaiuben, aber das ist ein Ministerium.

Irgendwann erreichen wir Asuncion. Mittlerweile regnet es in Strömen und ich bezahle dem Taxifahrer 40.000 Guarani damit er mich in ein Hotel bringt. Das kann dann aber unmöglich das Hotel sein, das ich mir im Internet rausgesucht habe. Viel zu vornehm. Ich mache mir dann doch den Spaß reinzugehen und nach einem Zimmer zu fragen. Nach einigem Handeln lande ich bei 90 US$ pro Nacht. Hotels lassen sich in Paraguay direkt in US$ bezahlen, was einiges über die Qualität der Währung aussagt. 90 Dollar sind mir dann aber doch zuviel und ich stapfe mit Sack und Pack zurück in den Regen. Nur eine Straße vom Hotel entfernt sieht es aus, wie Dresden nach dem Krieg. Kein Mensch ist zu sehen und dunkel wird es auch. Zum ersten Mal seit ich unterwegs bin, finde ich die Situation richtig unbebhaglich!
Dann irgendwann kommt die Erkenntnis: Was tue ich hier? Ich renne mit meinem ganzen Gepäck im strömenden Regen durch eine menschenleere Gegend, die furchtbar aussieht und das alles um 20 Euro zu sparen. Gegessen habe ich auch noch nichts.  Nö! Das muss ich mir nicht antun. Also zurück ins Hotel, Wäsche waschen und erstmal den Kulturschock auskurieren. 

Improvisierte Wäscheleine. Nie ohne Schnur reisen!

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